Trampen nach Rom
25. April 2010Per Anhalter in die ewige Stadt
„Nach Rom trampen“ – diesen Traum hegten wir schon seit einer Weile und wie wir darauf gekommen sind, weiß ich eigentlich gar nicht mehr so genau. Wir hatten uns nun den kühnen Plan in den Kopf gesetzt und arbeiteten in den Wochen davor an der Umsetzung. Dass es an Ostern sein soll, stand fest. Dass wir „Palmsamstag“ aufbrechen wollten auch, wir wollten die Ferien, die wir zusammen haben, schließlich voll ausnutzen.
Die Karwoche rückte also beständig näher und mein Gefühl schwankte zwischen totaler Begeisterung (Wir werden Rom sehen!) und zweifelndem Misstrauen: Werden wir überhaupt ankommen? Flug wär ja auch nicht so teuer… Eigentlich wollen wir doch so viel wie möglich sehen, wieso dann nicht so schnell wie möglich ankommen? Aber wir wollten das Abenteuer und planten, machten Einkaufslisten und diskutierten die Größe der Pappschilder.
Und dann war Philipps letzter Schultag rum, ich belagerte die Küche und müllte sie mit allem zu, was ich noch einpacken musste. Abschied von Mama und Papa und schon klingelte der Wecker am Samstagmorgen.
4 Uhr
Aufstehen. Man hätte ja gedacht, dass man so aufgeregt ist, dass man gleich aus dem Bett springt und zum Frühstück rennt. Aufregung war schon da, aber diese Uhrzeit! Aufgestanden sind wir trotzdem. Brötchen schmieren, Zähne putzen (und danach nicht vergessen, die Zahnbürste einzupacken), noch dies und das in den Rucksack werfen. Die Waage zeigt knapp 15kg. Mehr dürfen es auch nicht sein – Ryan Air verlangt leichtes Gepäck. Philipps Mama war indes auch schon wach, sie war unser Chauffeur nach Göttingen – denn von Hüpstedt aus zu trampen (Man stelle sich nur das ROMA-Schild vor, neben dem Ortsausgangsschild), das wär uns dann doch zu riskant gewesen. Wir wollten schließlich in diesem Leben noch ankommen. Unser erstes Etappenziel war die Raststätte Göttingen an der A7.
6 Uhr
Gemäß unserem Zeitplan erreichte der Citroen besagten Parkplatz in der Nähe von Rosdorf. Dort hieß es ein zweites Mal Abschied nehmen, Petra hatte vorsorglich den Fotoapparat mitgenommen und hielt fest, wie Phil und ich das Roma-Schild festhielten. Dann ließ sie uns allein. Es dämmerte bereits ein wenig und frohen Mutes holten wir die Pappe „München“ heraus, denn hier gleich wen zu finden, der uns bis zum Stiefel kutscht… Geht nicht. Lachend positionierte ich das Schild vor mir und wir gingen Richtung Raststellenabfahrt, um einen günstigen Stellplatz zu ergattern. Rechts parkte ein Auto, der Besitzer stand daneben und rauchte und lachte, als er uns sah: „Sowas gibt’s wohl auch noch?“ Ja, kaum zu glauben, aber wahr, und der nette Herr wurde zu unserem ersten Anhalter. Dabei hatten wir uns noch nicht einmal hingestellt! Er fahre zwar nur bis kurz hinter Kassel – das waren so 80km – aber wir haben uns trotzdem sehr gefreut. War also nur eine kurze Fahrt in dem kleinen, war es ein Toyota? Neuwagen, im Zuge der Abwrackprämie, wie er uns anvertraute. Er kam grad aus einer Nachtschicht (Triebwerksmechaniker bei Flugzeugen) und wollte zum Geburtstag seines Bruders nach hinter Kassel. An der Raststelle vor der Ausfahrt verabschiedeten wir uns von ihm und suchten uns sogleich eine neue Stelle zum Hinstellen. Ein Norweger oder Däne (Skandinavien jedenfalls) sprach uns an und wir redeten ein bisschen. Er hatte zwar einen Wohnwagen, aber keinen Platz mehr drin – schade, denn er war echt nett und erzählte, er wär früher viel in Deutschland getrampt, würde super funktionieren und Deutschland wäre sowieso „the best country in the world“. Fanden wir auch. Er fuhr dann weiter und wir standen noch ein wenig in der Gegend rum (so 20min) bis ein Auto mit Mindener Kennzeichen anhielt. Drin saß Carsten, der in seinem großen Ford erstmal Platz machte, damit wir reinpassten. Er war auf dem Weg nach Regensburg und bot an, uns wahlweise bis dorthin oder auch nur bis Nürnberg zu fahren – begeistert stiegen wir ein. Es wurde eine Fahrt von so 2, 3 Stunden, die sehr angenehm verliefen, wir haben uns mit unserem Fahrer über Gott und die Welt unterhalten. Es ging um die berufliche bzw. Schul- bzw. studentische Laufbahn, um Musicals und das Leben und wie weit wir heute vielleicht kommen würden. Ich hegte ja den geradezu utopischen Traum von Verona am Samstag Abend und Carsten machte uns Mut mit seinen Positiv-Denken-CDs. Bald rückte nun die Frage näher, ob wir in Nürnberg oder Regensburg rauswollten. Von Regensburg fährt man eine Stunde nach München, das ist aber trotzdem ein Umweg. Zur Entscheidungshilfe rief Carsten den ADAC an, was wir sehr witzig fanden, uns wäre nie eingefallen, dass die so was wissen könnten. Nachdem die Situation über Funk geschildert war, empfahl der ADACer, uns in Aurach vor Nürnberg rauszuwerfen. Gesagt, Getan. Unser zweiter Anhalter gab uns noch seine Visitenkarte, damit wir ihm ein Foto schicken und wir ihm ein herzliches Dankeschön.
10 oder 11 Uhr
Es war langsam Zeit für das zweite Frühstück und wir stellten unsere Schilder erstmal (sichtbar) ab und kramten das Essen raus. Wie das so ist bei Backpackern ernteten wir einige neugierige Blicke und es treiben sich vermutlich auch nicht viele Leute ohne Auto an Raststellen herum. Wir ließen uns die Brötchen trotzdem schmecken und machten uns frisch gestärkt auf die Suche nach einem adäquaten Stellplatz. Das war gar nicht so einfach, denn an der Stelle der eigentlichen Ausfahrt – dort wo wir alle Fahrer abfangen könnten waren die schon ein bisschen zu schnell. Also ein wenig weiter vorne, wo dann halt nicht alle Autos vorbeifahren mussten. Das war aber am Ende eigentlich egal, denn die Leute, die uns dann mitnehmen wollten, hatten uns schon vorher gesehen. Das war eine Gruppe von so knapp 10 Jugendlichen und 2 Betreuern auf dem Weg in den Skiurlaub. Eins der Mädels kam auf uns zu und sagte „Ihr könnt bei uns mitfahren, wenn ihr wollt.“ Fanden wir toll, denn wir hatten wieder keine 20min gewartet. Es wurde aber noch besser, denn die Gruppe fuhr bis Italien rein! Wir hatten immer noch unser München Schild und machten uns noch Gedanken, wie wir um die Stadt drumherum kommen, weil ja alle von der A7 nur reinwollen. Dieses Problem löste sich also in Luft auf, unser Glück hatte uns nicht verlassen. Sie wollten uns bis hinter den Brenner bringen! Es waren zwei Autos, eins für die Mädels und ein Kleinbus für die Jungs. Diese Ordnung musste aber nicht erhalten bleiben, und wir durften in einem Auto fahren, nämlich im Bus. Die Burschen rutschten für uns ein wenig zusammen und es wurde eine sehr interessante Fahrt, es war laut (Doppelbeschallung) und die Jungs waren ziemlich pubertär und belöffelten sich fortwährend. Hat uns aber nicht weiter gestört, denn wir würden am Nachmittag in Italien sein! Verona rückte in greifbare Nähe. Um München gerieten wir dann in einen obligatorischen Stau, der alles etwas verzögerte und leicht nervenaufreibend war. Die Stimmung im Bus war eher mittelmäßig. Was aber nicht leise heißen soll. Nach der Großstadt ging es dann glücklicherweise flüssig weiter und schon bald rückten die Alpen in unser Blickfeld. Was für ein Anblick! Die Berge… so schön. In ein paar Stunden würden wir sie nur noch im Rückspiegel sehen. Gegen 1 machten wir eine Pause und ich rief zuhause an, um Mama ein bisschen neidisch zu machen – wir sehen die Alpen! Es erfüllte seinen Zweck. Die Weiterfahrt verlief dann ziemlich ereignislos. Wir passierten den Brenner und fuhren in das Zielland ein – schon fast geschafft. Kurz vor ihrer Abfahrt ließen uns die Skifahrer dann wieder an einer Raststelle raus, wir sagten Dankeschön und einen schönen Urlaub und strahlten: Wir sind in Italien!!
Der Rastplatz war nicht sehr groß, es gab aber eine Tankstelle. Der allgemeine Eindruck war aber durchaus schon Italienisch. Wie sich das für Südtirol gehört, war alles zweisprachig. Die Herkunft der Autos hier war bunt gemischt. Wir versenkten unser München Schild im Mülleimer, ebenso das für die A8 (für den Fall, dass wir nördlich von der Stadt sind, aber außen rum wollen) und packten dafür Verona aus: unser nun offizielles Tagesziel. Roma blieb trotzdem da. Rein informativ und… naja.. nur für den Fall. Es war jetzt Nachmittag, so 3 oder 4 und wir standen so vielleicht ne halbe Stunde, aber nicht länger, da hielt ein schöner neuer Audi mit Passauer Kennzeichen, allerdings Exportkennzeichen, wie sich herausstellen sollte. Meinem „Hallo“ wurde deshalb ein „Ciao“ entgegengesetzt. Der Fahrer war Rumäne. Er könne uns gern bis Verona fahren, so meinte er, aber er fahre auch noch weiter nach Rom. „Today?“ Rief ich überrascht. Si, heute abend nach Rom. Phil und ich wechselten einen Blick – keine Frage, wir stiegen ein. Es war nicht zu fassen und ich redete die ersten 10 Minuten nur ungläubig vor mich hin – wir würde heute noch ankommen? In der Hauptstadt? Es trennten und noch ca. 700km vom Ziel, nach 10 bis 12 Stunden Reise hatten wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Die kurz aufflackernde Enttäuschung (doch kein Julia-Balkon heute Abend…) legte sich ziemlich schnell wieder und wich einem Aufgedrehtsein. Heute Abend! Ich konnte es einfach nicht fassen. Unser Fahrer war auch sehr nett. Er hatte einen höchst italienischen Fahrstil, würde ich sagen. Auf der ganzen Strecke von 700km hat uns nur ein einziges Auto überholt… dass wir dann aber wieder eingeholt haben. Der Rumäne erklärte uns, dass aufgrund der Exportplakette, die er am Auto hatte, die italienische Behörden nichts damit anfangen könnten, wenn mal wieder ein Blitzfoto einginge. Deshalb bekommt er nie Post, obwohl er mit 140km/h aufwärts über die Piste brauste. Ist an sich nicht so schnell. Man vergesse aber nicht die Geschwindigkeitsbegrenzung auf italienischen Autobahnen. Sprich: 110 oder 130km/h und mehr nicht. In dem Audi war es auf jeden Fall bequem. Wir sahen also Verona nur im Vorbeifahren. Ebenso Florenz. Da war es aber schon dunkel. Er hat uns dann sogar bei einer Rast was zu trinken ausgegeben – was nebenbei gesagt sehr lecker war. Irgendwas von Illy, was ich aber noch nie gesehen habe. Und dann, 16 Stunden und 17 Minuten nachdem wir aus der Einfahrt in Hüpstedt herausgefahren waren, passierten wir das weiße Ortsschild. In dunklen Lettern stand das heiß ersehnte Wort geschrieben – Roma. Wir hatten die ewige Stadt erreicht! Unser Anhalter wollte uns noch bis zur Tür des Hostels bringen, aber die Straße, die ich ihm gesagt hatte (Via Castelfidardo), existierte in seinem Blueberry-Navi nicht. Ich wusste ja, dass die irgendwo beim Hauptbahnhof sein musste und beteuerte, dass es schon super wär, wenn er uns nur bis zur Statione Termini brächte. Was er dann auch tat. Glücklich und unter 1000 Dankeschöns verabschiedeten wir uns von dem freundlichen Rumänen, der uns die Hälfte unserer Strecke gebracht hatte, eineinhalb Stunden schneller, als das Navi vorhergesagt hatte und der dafür sogar 50€ Maut zahlen musste.
Dann standen wir in Rom. Am Samstagabend vor Palmsonntag um 22 Uhr ohne Hostel und ohne Couch. Aber Überglücklich. Denn wir waren bereit in den Spuren von Julius Cäsar, Cicero und Mussolini zu laufen. Aber erst nach der ersten original italienischen Pizza.
Sie war hervorragend.